Am Abend rief sie mich an. Das Lebewohl hätte sie sehr getroffen. Sie wollte mir nicht sagen, dass das mit uns nichts wird. Sie wüsste nicht, wie sie sich in ihrer Situation verhalten sollte, und versuchte nur, ihr Leben so weiterzuleben, wie es war. Niemand sollte etwas davon erfahren, was gerade los war.
Ich fragte sie, ob sie erwarte, dass ich um sie kämpfe, oder ob ich sie in Ruhe lassen solle. Sie sagte, diese schwere Entscheidung müsste sie alleine treffen. Ich könnte sie aber jederzeit anrufen, oder ihr schreiben. Ich beließ es dabei. Was konnte ich schon tun.
In den kommenden Tagen fingen wir an, SMS und Telefongespräche auszutauschen, auch die ein oder andere Internetnachricht. Sie vermittelte mir nach und nach den Eindruck, dass sie sich für eine Beziehung für mich entschieden hatte.
Dennoch erschien sie handlungsunfähig und inkonsequent. Sie schob vor, dass sie ja eine Kündigungsfrist der gemeinsamen Wohnung mit ihrem Freund hätte, dass sie ihren Tanzkurs mit ihm zu Ende machen müsste.
Einerseits machte sie schon jetzt den Eindruck, am liebsten mit mir zusammen sein zu wollen. Auf der anderen Seite schien ihre Angst vor der Veränderung einfach größer zu sein. Ich dachte, sie bräuchte einfach etwas Zeit, um das Ganze zu verarbeiten.
In den folgenden Wochen telefonierten wir weiterhin ungezwungen. Wir schrieben uns Nachrichten. Es stellte sich bei mir allerdings kein schlechtes Gewissen ein. Schließlich war ich absolut offen mit ihr, bevor ich irgendwas anderes gemacht habe, und wenn sie auch so offen mit ihrem Freund war, wie sie behauptete, so war die Situation zwar völlig unerklärlich, sorgte aber nicht für ein schlechtes Gewissen.
In dieser Zeitspanne von anderthalb Monaten wechselte meine Gefühlslage schleichend von der Unsicherheit, ob sie sich für mich entscheiden würde, zu der Unsicherheit, warum sie ihre Entscheidung nicht konkret umsetzen konnte. War sie sich über ihre Gefühle nicht so sicher, wie sie behauptete? Was hielt sie fest?
Die Sache war umso schwerer zu verarbeiten, da sie mich gebeten hatte, niemandem davon zu erzählen. Ich weiß heute selbst nicht mehr, wieso ich das so lange für mich behalten habe. Hinter so einer Geheimnistuerei über längere Zeit steckt nie etwas Gutes. Schliesslich waren wir in keiner Fernsehsoap. Oder doch?
Sechs Wochen nach Beginn der ganzen Sache trennte sie sich von ihrem Freund. Der Zeitpunkt kam denkbar gelegen: Die Semesterferien waren zu Ende, und sie würden wieder in die gemeinsame Wohnung ziehen. Dadurch bestand akuter Handlungsbedarf. Es gibt also doch günstige Zeitpunkte.
Sie teilte es mir am Telefon mit. Sie erwartete wohl etwas mehr Begeisterung über die Tatsache von mir, aber ich war noch immer verwirrt darüber, wie sie dafür so lange brauchen konnte. Vielleicht konnte ich es auch nicht ganz glauben.
Die Trennung sollte allerdings vorerst geheim bleiben, und nur wenige Personen sollten davon erfahren. Das verstand ich wiederum nicht. Viele Elemente dieser Geschichte waren und blieben für mich unverständlich. Auch hierauf konnte ich mir keinen Reim machen. Hatten sie sich wirklich getrennt?
Sie vereinbarte mit ihrem (Ex-?)freund, dass sie die Wohnung abwechselnd im Zweiwochenrhythmus benutzen würden, der andere würde jeweils vom Heimatwohnort pendeln, bis eine andere Lösung bzw. Wohnung gefunden wäre. Sie war zuerst dran.