11. August 2009
So schreibe ich das hier, mehr als 20 Wochen nach Beginn. Die Hoffnung im Kopf, dass mein Schlussstrich funktioniert. Die Hoffnung, dass es mir leichter fällt, wenn ich es hier niedergeschrieben, und nochmal komplett durchdacht habe.
Schon im Prozess des Niederschreibens, Überarbeitens, stelle ich fest, dass sich meine Ansichten zu den Dingen ändern. Merke ich, dass ich Dinge anders sehe. Ich lese alles immer und immer wieder, und merke, dass ich mich für naiv halte.
Übersehene Signale, irrationale Entscheidungen, und das alles auf Grund von Gefühlen? Ich war in dieser Zeit ein anderer Mensch, und das beunruhigt mich. Doch könnte ich die Sache komplett aus meinem Leben streichen, ich würde es nicht tun.
Denn auch diese Geschichte hatte sehr viele positive Effekte für mich gebracht, und auch unfassbare Seitenstränge beinhaltet, die ich hier gar nicht alle niederschreiben kann. Vor allem aber macht sie mich widerstandsfähig für das nächste Mal, wenn so etwas passiert.
So schließe ich das Kapitel ab, und hoffe, dass ich fortan Leuten, die mich kennen lernen, nicht mehr als verbittert erscheine, ich endlich aufhören kann, meinen Freunden mit der Geschichte auf die Nerven zu gehen, und beim nächsten Mal der Persönlichkeitstest auf Focus-Online, gefärbt durch meinen aktuellen Stimmungszustand, nicht mit dem roten Pfeil auf Depressiv zeigt.
9. August 2009
Zu Hause angekommen, die Erkenntnis: Wieder bei der Stange halten. Was sollen diese komischen Spiele? Es war nicht zu erklären. Ich entschied mich, offensiv zu sein, und startete einen letzten Versuch: Das Tanzfrühstück, Sonntag früh, war per Zug sowohl zu erreichen, als auch zu verlassen. Prompt kam die Antwort: Es ist leider ein Museumsbesuch geplant. ‚Naja, es findet sich schon noch eine Gelegenheit‘. Bitte nicht zu viel Begeisterung.
Wieder die Erkenntnis (wie ich das schreibe, stelle ich fest, wie oft man manche Erkenntnisse haben muss, um sie wirklich zu haben. Lernen durch Wiederholung, mit dem Holzhammer. Man lernt wohl nur so), dass von ihr keine Initiative kommt, keine kreativen Lösungen. Sie wollte Tanzen gehen, aber nicht weil sie es vermisste, oder es ihr wirklich wichtig wäre, sondern damit ich zufrieden wäre.
Wieder überlegte ich: Aktiv werden (mir wären reihenweise Möglichkeiten und Lösungen eingefallen, wenn es ihr wirklich wichtig gewesen wäre), oder wieder abwarten. Schlagartig wurde mir bewusst, dass ich diese Entscheidung schon so oft getroffen habe, und es bisher nichts gebracht hat.
Kein Fortschritt zu verzeichnen, gleiche Intervalle von Freund und Leid, beziehungstechnisch kein Weiterkommen. Keine Möglichkeit, zu entscheiden, was richtiger wäre, handeln oder nichts tun.
Ich beschloss, einen Versuch zu wagen, ihr zu schreiben. Ob sie glaubt, ich wäre ein Kopf-durch-die-Wand-Mensch, oder ein Zurücklehnen-und-Abwarten Mensch. Sie durchschaut die Frage, und schreibt: Es hinge von der Situation ab, was sie im Bezug auf die Situation von mir erwartet, könne sie mir nicht sagen, da sie es nicht wüsste.
Ich merkte, dass mir die Geduld ausging. Diese Frau zeigte im Bezug auf uns absolut gar keine Initiative, tat nur das nötigste, um mich bei der Stange zu halten, warum auch immer. Behauptete aber gleichzeitig hartnäckig, Gefühle für mich zu haben.
Ich wollte das nicht mehr. Ich halte mich für den geduldigsten Mensch, den ich kenne, daher war ich selbst überrascht, wie es um mich stand. Ich beschloss, darüber zu schlafen.
Am nächsten morgen war mir klar. Ich würde den Kontakt abbrechen müssen, und zwar diesmal endgültig. Diese Sache war wie ein schleichendes, süßes Gift, das mich langsam tötet. Und ich wollte nicht getötet werden.
7. August 2009
Kapitel 6: Der Tanzkurs
Der erste Kursabend war sehr angespannt. Wir hatten uns bestimmt zwei Monate nicht gesehen, uns mit einem Abschiedskuss verabschiedet. Wir hatten nicht viel Zeit, uns zu unterhalten, der Kurs begann.
Danach dann die Ernüchterung: sie müsse direkt gehen, könne nicht länger bleiben, da sie ihrem (Ex?-)Freund versprochen hatte, direkt nach Hause zu kommen.
Zu diesem Zeitpunkt waren mir die Beziehungsverhältnisse gar nicht mehr klar. Leider konnte ich niemanden fragen, denn ihr war das Ganze entweder auch nicht klar (was sie sagte), oder sie wollte mir nichts darüber sagen, und sonst kannte ich niemanden gut, der viel mit ihnen zu tun hatte.
Dennoch war ich froh, den ersten Abend überstanden zu haben, und wollte ernsthaft versuchen, das ganze freundschaftlich zu handhaben, wie unsere Tanzkurse vorher.
Beim nächsten Kursabend hatten wir davor ein Gespräch, erneut Begründungen und Erklärungen für die letzten zwei Monate. Ich weiß nicht, woher die Idee kommt, dass irgendwelche Geschichten den Schmerz einer solchen Zeit abmildern würden. Man hat eben getan, was man getan hat, und man kann es nicht besser reden mit Erklärungen dafür.
Ich glaubte jedenfalls, dass ihr nichts an ihrer alten Beziehung lag, sonst hätte sie niemals diesen Tanzkurs mit mir machen können. Denn, dass ihr (Ex?-)freund davon wusste, teilte sie mir mit. Wieder gab es dafür nur ihr Wort, und ich konnte unmöglich sicher wissen, was davon stimmt. Bedingungslos glaubte ich jedoch alles, auch wenn Freunde mich warnten.
Bald wurde mir allerdings klar, dass keine Freundschaft im eigentlichen Sinne möglich war. Ich konnte mich nicht mit ihr zum Üben treffen, da sie das ihrem (Ex-?)freund gegenüber nicht vertreten konnte. Sie konnte auch nicht wesentlich länger bleiben nach dem Kurs zum Üben.
Ohne die Gelegenheit zum Üben werden solche Kurse schnell unproduktiv. Darüber hinaus war es natürlich unerträglich, immer wieder an die Gesamtsituation erinnert zu werden, egal wie sehr ich versuchte, es auszublenden.
Ich war erneut mit der Frage konfrontiert, die mir die Situation immer und immer wieder über die Wochen gestellt hatte: Es gut sein lassen, laufen lassen, oder initiativ werden, und versuchen sie zu erobern. Egal wen ich befragte, Männer würden mir immer zu Ersterem raten, Frauen zu Letzterem. Warum ist mir bis jetzt ein Rätsel.
Ich entschied mich, sie per SMS zu fragen, ob sie mit mir Tanzen geht. Sie antwortete ausweichend. Ich schlug Termine vor, sie brachte Begründungen, warum das dann und dann nicht möglich war.
Ich probierte alles, bis ich die Aussage bekam, dass sie mich außerhalb des Tanzkurses nicht treffen kann (will!), aber eventuell noch ein bisschen länger bleiben würde, damit wir üben konnten. Oder etwas früher kommen, um zu Quatschen, aber nur auf meinen konkreten Wunsch. Sie selbst schien kein Interesse daran zu haben.
Erneut war ich wieder in der passiven Lage und vor der Frage, ob das Ganze überhaupt Sinn hatte. Ich ging erneut zum Kurs, gab mich desinteressiert, tat nichts. Nach zwei Wochen war das auch fast ok für mich. Ich hatte mich für einen weiteren Kurs angemeldet, sodass ich zum Tanzen nicht auf sie angewiesen war.
Die ganzen Wochen über beschlich mich stets ein Gefühl, dass ich bei der Stange gehalten werden sollte. Zugeständnis um Zugeständnis, wenn auch die meisten nicht erfüllt. Darauf angesprochen, verneinte sie das natürlich. Sicher sähe es so aus, aber sie würde das nicht mit Absicht machen.
Was spielt Absicht hier auch für eine Rolle. Wenn ich jemanden mit dem Auto überfahre, dann ist derjenige auch nicht weniger tot, wenn ich das nicht mit Absicht gemacht habe.
Jedenfalls kamen an einem Tanzabend (war es mittlerweile der 5.?) zufällig eingestreute Aussagen, die suggerierten, sie wäre ausgezogen (ihre Tasche war für den ganzen Tag gepackt, sie müsse auf den Zug, sie hätte ihren Computer beim Ab- und Aufbau beschädigt). Allerdings nichts Konkretes. Ich stellte auf einmal fest, dass ich nicht nachfragen wollte. Es interessierte mich nicht, ob sie ausgezogen war, oder nur Spielchen spielte.
Nach dem Kurs die Frage: Ob wir mal tanzen gehen? Das war also plötzlich möglich, und wurde präsentiert, als wäre nichts weiter. Bevor ich noch nachdenken konnte, willigte ich ein. Ich frage, wann? Sie sagte irgendwann.
Nein, tut mir leid, dieses Spiel spielte ich nicht mehr. Ich fragte konkret, sie sagte, leider findet das Sonntagnachmittagstanzen nicht statt im Moment, und abends käme sie ja nicht heim. Sie müsse also eine Gelegenheit finden, wo sie das Auto bekommen könnte.
Ich ging nach Hause, und ich wusste schon auf dem Heimweg, dass die neue Situation an mir nagen würde.

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4. August 2009
Kapitel 5: Ausziehen oder nicht Ausziehen?
Doch es gelang mir nicht, schon wenige Tage später fragte ich mich, ob es nicht doch stimmte, was sie sagte, auch wenn es ihren Handlungen widersprach. Vielleicht musste sie genau das tun.
Wollte ich denn eine Beziehung mit einer Frau, die bereit ist, eine langjährige Beziehung einfach so aufzugeben?
Ich schrieb ihr wieder, telefonierte mit ihr, wenn ich konnte. Sie sagte, sie wolle der Sache zwei bis drei Wochen geben, dann werde sie komplett ausziehen, und ihre alte Beziehung hinter sich lassen.
Ich war nicht sehr begeistert, aber was konnte ich anderes tun. Wie immer bestanden zwei Optionen, den Kontakt abzubrechen, oder ihre Bedingungen zu akzeptieren. Es folgten wenige Wochen mit spärlichem Kontakt, der ausschließlich auf meine Initiative zurückzuführen war. Von ihr kam nichts.
Dann gegen Ende der selbstgesetzten Deadline die Offenbarung: Sie könnte einfach nicht ausziehen. Sie brächte es nicht fertig. Begründungen und Ausreden folgten, wie schon die ganze Zeit über. Widersprüchlich, und zum Teil auch hanebüchen und für mich einfach unverständlich. Man musste schon sehr verliebt sein, um sich überzeugen zu lassen. Das war ich wohl.
Meine Versuche, sie zu überzeugen, dass es auch das beste für sie und ihre abgebrochene (?) Beziehung wäre, meine Versuche, praktische Tipps zu geben oder gute Gelegenheiten für einen Auszug aufzuzeigen schlugen fehl.
Mittlerweile war ich davon überzeugt, dass sie an ihrer alten Beziehung nichts mehr fand, was allerdings dazu führte, dass ich umso weniger Verständnis für ihr Verhalten hatte.
Erneut der Versuch, den Kontakt abzubrechen, und ihr die Initiative zu überlassen, wenn sie wirklich Interesse an mir hatte. Trotz der absolut fehlenden Initiative betonte sie immer wieder, dass sie Gefühle für mich hätte. Dies war wohl der Hauptgrund, warum ich mich von der Sache nicht lösen konnte.
Doch es schien ihr gerade recht zu kommen, und sie meldete sich überhaupt nicht mehr bei mir, bis ich es höchstens zehn Tage später nicht mehr aushielt, und sie wieder anschrieb. In einigen wenigen Gesprächen, die wieder komplett auf meine Initiative zurückgingen, verabredeten wir uns für einen Tanzkurs nach der Pfingstpause, auf freundschaftlicher Basis.
Ich war sehr zweigeteilt, und entschied mich dann fünf Tage vorher, dass es keine gute Idee war, und ich den Kurs absagen wollte. Ich schrieb eine Nachricht, kurz bevor ich in die Stadt fuhr. Das Onlineformular verschluckte meine Nachricht, und ich musste los. In der Stadt traf ich eine Freundin, die mir riet den Kurs zu machen. Ich unterlies die Absage.

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29. Juli 2009
Montags darauf trafen wir uns. Endlich, nach sechs Wochen, konnte ich sie wieder sehen. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Es war eine etwas bedrückende Stimmung. Ich wusste nicht, ob sie nun immer noch Zeit brauchte, wie sie anfangs sagte, oder so kurz nach der Trennung schon bereit war für eine Beziehung. Genaugenommen dauerte die Trennung sechs Wochen, von daher konnte man nicht gut von ‘kurz nach der Trennung’ sprechen.
Am Ende des Abends küsste sie mich jedoch. Ich war glücklich. Ich dachte, die sechs Wochen des Bangens und Leidens wären zu Ende, und hätten sich allemal gelohnt. Ich ahnte nicht, wie sehr ich mich irrte. Im Verlauf der nächsten zwei Wochen, die wir zusammen verbrachten, ging alles den falschen Weg.
Nach kurzer Zeit schon erfuhr ich, dass wir uns in der Öffentlichkeit nicht küssen würden, da ihr (Ex-?)freund nichts von dieser Sache wüsste, und sie es ihm gerne selbst sagen würde, bevor er es über Ecken erfährt. Ich bin mir nicht sicher, ob er bis heute, mehr als drei Monate später, davon erfahren hat.
Ich willigte etwas widerwillig ein, aber konnte doch verstehen, dass es schwierig für sie war. Im Nachhinein ist mir bewusst, dass genau das der Abbruchpunkt war. Wie bei einer Aktie gibt es bei einer solchen Beziehungsgeschichte einen Ausstiegspunkt, der optimal ist, um mit dem größtmöglichen Gewinn oder dem geringstmöglichen Verlust aus so einer Sache rauszukommen. Leider, genau wie bei der Aktie, kann man diesen Punkt erst im Rückblick sicher kennen, und braucht intuitive und schätzende Verfahren, um den Punkt während der Laufzeit möglichst genau zu bestimmen. Es wäre der Punkt gewesen, bei dem ich die Sache noch mit Gewinn hätte beenden können.
Ich tat es aber nicht, dachte ich doch, es wäre der Preis, den ich für die schwierige Situation bezahlen müsste, von der ich dachte, ich hätte sie mit meiner Liebeserklärung geschaffen. So gingen die Tage ins Land, sie setzte einen Termin. Am Wochenende, dem Ende der zwei Wochen, die ihre Zeit in der gemeinsamen Wohnung waren, würden sie die Aufteilung der Möbel besprechen, und sie würde ihm mitteilen, wie es um uns stünde.
Am Samstag jedoch erfuhr ich, dass sie es ihm nicht sagen könne. Er sei zu verletzt, und würde es nicht verkraften. Ich verstand sie nicht. Machte sie es besser, wenn sie es ihm später sagte, wenn er die Trennung verwunden hatte? Oder wenn er es anders erfuhr. Oder war das nur eine lahme Begründung dafür, dass sie es nicht wollte?
Zu diesem Zeitpunkt wusste ich ja noch nicht, wofür dieses ‘ich kann es ihm nicht sagen’ der Vorläufer war. Bereits am Montag, nach einem Treffen, das schon fast Agentenfilmcharakter hatte (hol mich an einem Bahnhof deiner Wahl ab, und wir fahren weg!?), offenbarte sie mir, dass sie ihrem (Ex-?)freund noch eine Chance geben wollte.
Ich war schockiert: Das widersprach krass den letzten zwei Wochen, und allem, was sie über ihre Gefühle gesagt hatte. Ob ich das verstehen könnte? Allerdings nicht. Sie versicherte mir mehrfach, dass sie gerne eine Beziehung mit mir hätte, und sich auch nicht erhoffte, dass ihre alte Beziehung noch ernsthafte Chancen hatte, sie es aber trotzdem probieren müsste.
Dies war der Abbruchpunkt, um mit Verlust, aber dem geringstmöglichen, aus der Sache rauszukommen. Was sie tat, war in meinen Augen schlicht falsch. Ich sagte ihr ganz klar, dass ich nicht einverstanden war, und wir beließen es dabei.
Am Dienstagmorgen, früh, ein Anruf per Handy: Es ginge nicht anders, sie müsse ihm noch eine Chance geben. Wir könnten uns nicht wiedersehen. Er dürfe außerdem nicht erfahren, was in den letzten zwei Wochen passierte. Sie vertraue mir diesbezüglich. Sie würde wieder mit ihrem (Ex-?)Freund zusammenwohnen. Ich war erneut schockiert, und konnte es nicht glauben. Ich versuchte, den Abbruchpunkt zu nutzen, und sagte ihr Lebewohl. Schon wieder.

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22. Juli 2009
Am Abend rief sie mich an. Das Lebewohl hätte sie sehr getroffen. Sie wollte mir nicht sagen, dass das mit uns nichts wird. Sie wüsste nicht, wie sie sich in ihrer Situation verhalten sollte, und versuchte nur, ihr Leben so weiterzuleben, wie es war. Niemand sollte etwas davon erfahren, was gerade los war.
Ich fragte sie, ob sie erwarte, dass ich um sie kämpfe, oder ob ich sie in Ruhe lassen solle. Sie sagte, diese schwere Entscheidung müsste sie alleine treffen. Ich könnte sie aber jederzeit anrufen, oder ihr schreiben. Ich beließ es dabei. Was konnte ich schon tun.
In den kommenden Tagen fingen wir an, SMS und Telefongespräche auszutauschen, auch die ein oder andere Internetnachricht. Sie vermittelte mir nach und nach den Eindruck, dass sie sich für eine Beziehung für mich entschieden hatte.
Dennoch erschien sie handlungsunfähig und inkonsequent. Sie schob vor, dass sie ja eine Kündigungsfrist der gemeinsamen Wohnung mit ihrem Freund hätte, dass sie ihren Tanzkurs mit ihm zu Ende machen müsste.
Einerseits machte sie schon jetzt den Eindruck, am liebsten mit mir zusammen sein zu wollen. Auf der anderen Seite schien ihre Angst vor der Veränderung einfach größer zu sein. Ich dachte, sie bräuchte einfach etwas Zeit, um das Ganze zu verarbeiten.
In den folgenden Wochen telefonierten wir weiterhin ungezwungen. Wir schrieben uns Nachrichten. Es stellte sich bei mir allerdings kein schlechtes Gewissen ein. Schließlich war ich absolut offen mit ihr, bevor ich irgendwas anderes gemacht habe, und wenn sie auch so offen mit ihrem Freund war, wie sie behauptete, so war die Situation zwar völlig unerklärlich, sorgte aber nicht für ein schlechtes Gewissen.
In dieser Zeitspanne von anderthalb Monaten wechselte meine Gefühlslage schleichend von der Unsicherheit, ob sie sich für mich entscheiden würde, zu der Unsicherheit, warum sie ihre Entscheidung nicht konkret umsetzen konnte. War sie sich über ihre Gefühle nicht so sicher, wie sie behauptete? Was hielt sie fest?
Die Sache war umso schwerer zu verarbeiten, da sie mich gebeten hatte, niemandem davon zu erzählen. Ich weiß heute selbst nicht mehr, wieso ich das so lange für mich behalten habe. Hinter so einer Geheimnistuerei über längere Zeit steckt nie etwas Gutes. Schliesslich waren wir in keiner Fernsehsoap. Oder doch?
Sechs Wochen nach Beginn der ganzen Sache trennte sie sich von ihrem Freund. Der Zeitpunkt kam denkbar gelegen: Die Semesterferien waren zu Ende, und sie würden wieder in die gemeinsame Wohnung ziehen. Dadurch bestand akuter Handlungsbedarf. Es gibt also doch günstige Zeitpunkte.
Sie teilte es mir am Telefon mit. Sie erwartete wohl etwas mehr Begeisterung über die Tatsache von mir, aber ich war noch immer verwirrt darüber, wie sie dafür so lange brauchen konnte. Vielleicht konnte ich es auch nicht ganz glauben.
Die Trennung sollte allerdings vorerst geheim bleiben, und nur wenige Personen sollten davon erfahren. Das verstand ich wiederum nicht. Viele Elemente dieser Geschichte waren und blieben für mich unverständlich. Auch hierauf konnte ich mir keinen Reim machen. Hatten sie sich wirklich getrennt?
Sie vereinbarte mit ihrem (Ex-?)freund, dass sie die Wohnung abwechselnd im Zweiwochenrhythmus benutzen würden, der andere würde jeweils vom Heimatwohnort pendeln, bis eine andere Lösung bzw. Wohnung gefunden wäre. Sie war zuerst dran.

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16. Juli 2009
Der nächste Kontakt war schon zwei Tage später. Sie rief mich aus dem Skiurlaub an. Sie klang sehr traurig und verletzt, ich wusste kaum, wie ich reagieren sollte. Auch wenn es für sie eine schwierige Situation war, so hatte sie doch die Fäden in der Hand, und ich verstand nicht, wieso sie davon so mitgenommen wurde.
Sie teilte mir mit, dass sie noch am Abend unseres Gesprächs alles mit ihrem Freund besprochen hatte. Meine Gefühle für sie, ihre Gefühle für mich. Der Grund für ihren Anruf: Ihr Freund hatte ‚versehentlich‘ die ganze Geschichte einem gemeinsamen Freund erzählt, auf eine Einladung zum Geburtstag hin.
Das berührte mich nun gar nicht. Schließlich war sie es, die wollte, dass niemand davon erfuhr. Wenn ich schon den Mut aufbrachte, es ihr zu sagen, so dachte ich, könne es ruhig die ganze Welt wissen, egal wofür sie sich entschied.
Ich erzählte ihr davon, dass ihr Freund mich bereits angeschrieben hatte. Ich hatte im kompletten Dialog mit ihm ein sehr schlechtes Gewissen, und konnte nicht wirklich darauf eingehen, was er schrieb. Kurz entschuldigte er sich dafür, dass er sich verplappert hatte.
Der restliche Chat drehte sich hauptsächlich um die Vorwürfe, die er ihr machte. Er hätte ihr gesagt, dass das mit dem Tanzkurs keine gute Idee ist. Zukünftige Tanzkurse und Tanzabende würden nicht mehr in Frage kommen.
Es war nicht der Hauch von Unsicherheit bezüglich ihrer Beziehung bei ihm zu spüren. Ich fragte mich, ob ich den falschen Eindruck aus meinem kurzen Gespräch mit ihr bekommen hatte, oder ob er den falschen Eindruck hatte. Ich hielt ihn für jemanden, der sich gerne überschätzt. Vielleicht auch in dieser Sache? Oder wusste er etwas, was ich nicht wusste?
Sie bat mich außerdem, unseren nächsten Tanzkurs abzusagen, da sie die Semesterferien an ihrem Elternwohnort verbringen wollte. Ich verstand sie. Sie versprach, dass wir den nächsten Kurs zusammen machen. Das erste von unzähligen Versprechen. Sie bat mich erneut um Zeit.
Am Wochenende darauf bekam ich eine SMS. Sie wollte mich treffen, ein Spaziergang. Ich wusste nicht was das bedeuten sollte. Sie wollte, dass ich zu ihr raus fahre, was ein ganzes Stück war. Konnte sie mich dahin bestellen, um mir eine negative Antwort zu geben? Oder bestand Hoffnung?
Zu diesem Zeitpunkt ging ich ganz naiv davon aus, dass Gespräche produktiv sind, und den einen oder anderen Ausgang haben. Ich war wohl zu lange in keiner Beziehung, und hatte vergessen, dass es auch durchaus möglich ist, die im Raum stehende Frage in einem ausführlichen Gespräch nicht zu beantworten, dass die Antwort einfach ‚ich weiß es nicht‘ lauten könnte.
Jedenfalls sagte ich zu, wollte ich doch nicht die Chance verpassen, sie wiederzusehen. Auch wenn ich mir nicht sicher war, ob das in der gegebenen Situation eine gute Idee war, schließlich war sie immer noch in einer Beziehung, und jetzt wo die Katze aus dem Sack war, war alles anders geworden.
Ein Tag vor besagtem Treffen, und nach einigen Tagen des Grübelns, was sie mir wohl zu sagen hatte, las ich zufällig im Internet ihre Zusage zu besagtem Geburtstag, der am Ende der Woche statt finden solle. Die Zusage als Paar, sie lies keinen Zweifel daran, dass die Beziehung weiterbestehen würde.
So wollte sie mir also doch die schlechte Nachricht überbringen. Nach den Tagen des unsicheren Grübelns entschied ich, dass ich diese Nachricht nicht persönlich hören wollte. Ich hätte es nicht ertragen. Also schrieb ich ihr, dass ich ihre Entscheidung bereits kannte, und ich sie nicht treffen wollte.
Ich schrieb ihr Lebewohl, wir würden uns nicht wiedersehen, das erste von vielen malen. Doch es sollte nicht dabei bleiben.

Masterdecoy •

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13. Juli 2009
Vor einiger Zeit verliebte ich mich in ein Mädchen. Das Problem: Sie war in einer langjährigen Beziehung. Wir hatten schon Tanzkurse zusammen gemacht. Doch erst nach unzähligen Stunden des Nachdenkens wurde mir bewusst, dass ich tatsächlich in sie verliebt war. Ich wusste nicht, was ich tun, ob ich es ihr sagen sollte.
Ich überlegte hin und her, fragte eine Freundin. Ich dachte an all die Gründe, die dagegen sprachen, und den einzigen, der dafür sprach: Meine Gefühle. Ich wusste noch immer nicht, was ich tun sollte. Am Ende entschied ich mich dafür, es ihr zu sagen.
Heute weiß ich nicht mehr genau, warum ich mich dafür entschied. Denn ich war trotz allem ziemlich sicher, dass ich einen Korb bekommen würde. Vielleicht wollte ich etwas Unruhe in mein Leben bringen, vielleicht wollte ich auch die geringfügige Chance, die ich sah, nutzen.
Ich versuchte einen Tanzabend lang, mit der Sprache herauszurücken, doch es gelang mir nicht. Auch nach der gefassten Entscheidung war es sehr schwer, diese umzusetzen. Egal wie sehr ich mir das Ganze überlegt hatte, jetzt wo es darum ging, auch zu handeln, kamen wieder Zweifel.
Schließlich war sie in einer Beziehung, und hätte diese jederzeit beenden können, wenn sie auch etwas für mich empfunden hätte. Dennoch wurde ich das Gefühl nicht los, dass sie vielleicht etwas für mich empfand, und ich musste es einfach versuchen.
Ich wartete auf eine günstige Gelegenheit. Es kam keine. Bei manchen Dingen gibt es keine günstigen Gelegenheiten. Niedergeschlagen ging ich nach Hause, eine schlaflose Nacht vor mir.
Am Folgeabend, dem letzten Abend unseres gemeinsamen Tanzkurses, wusste ich, dass ich es ihr noch an diesem Abend sagen musste. Der Kurs war zu Ende, die Semesterferien begannen, und sie würde in den Skiurlaub fahren.
Mit einem beklemmenden Gefühl konnte ich den ganzen Abend kein Wort herausbringen. Erst im letzten Moment, bevor sie aus dem Auto stieg, erklärte ich, dass ich ihr etwas Wichtiges sagen müsste. Somit hatte ich mich selbst unter Zugzwang gestellt.
Also offenbarte ich ihr meine Gefühle. Sie entgegnete, dass sie auch etwas für mich empfinden würde, dass sie aber ihren Freund liebte, und nicht wüsste, was sie tun sollte. Sie fragte mich, was ich erwartete. Ich war sehr sprachlos, da ich trotz allem nicht auf die Situation vorbereitet war. Sie sagte, sie müsste darüber nachdenken. Sie wüsste nicht, was sie tun sollte. Sie bräuchte Zeit. Ich gab ihr Zeit. Ich sollte es niemandem erzählen. Ich tat es nicht.
Jetzt, mehr als vier Monate später, blicke ich zurück und sehe, dass das das Motto der ganzen Geschichte werden solle. Ein Motiv, das sich in Gesprächen, SMS, Telefonaten und Internetnachrichten immer und immer wieder wiederholen sollte. Sie wüsste nicht was sie tun sollte. Sie bräuchte Zeit. Niemand dürfe etwas erfahren.
Sie stieg aus dem Auto, und der Tanz begann.